Pariser Fächermacherin produziert edle Luftwedel
News vom Donnerstag, 2. September 2010
An heißen Sommertagen bieten Fächer angenehme Kühlung. Anne Hoguet, die letzte Fächermacherin von Paris, zaubert Meisterstücke für bis zu 2.000 Euro. Sie hofft, dass ihr Handwerk wieder in Mode kommt.
Mit einer grazilen Handbewegung öffnet Anne Hoguet den Fächer. Auf dem Halbrund ist eine ländliche Idylle zu sehen, die Elfenbeinstäbe sind mit feinsten Lochmustern verziert und wirken so leicht wie Spitze. Die grauhaarige Dame hält sich den Fächer so vor das Gesicht, dass sie gerade noch darüber schauen kann und wedelt sich Luft zu. "Jetzt, wo es so heiß ist, sind Fächer wieder im Kommen", sagt sie. Vor allem asiatische Touristinnen hätten in Paris die weitgehend vergessene Tradition wieder in Mode gebracht. "Fächer sind sehr praktisch, wenn es in der Metro zu heiß ist."
Die Mittfünfzigerin ist die letzte Fächermacherin von Paris. Sie gehört zur vierten Generation einer Familie, die sich auf dieses Handwerk spezialisiert hat. "Wir haben früher vor allem mit Perlmutt, Elfenbein und exotischem Holz gearbeitet", erzählt sie. Die Herstellung traditioneller Fächer sei eine sehr anspruchsvolle Arbeit. "Ein solcher Stab hat mehr als 600 Löcher, der kann leicht brechen", erklärt sie.
In ihrem winzigen Museum, das in einer Pariser Altbauwohnung mit knarzendem Parkett untergebracht ist, bewahrt sie Kostbarkeiten aus mehreren Jahrhunderten und verschiedenen Weltgegenden auf. Da hängt etwa ein rechteckiger, aus Bast geflochtener Fächer an der Wand, wie er in afrikanischen Ländern bis heute benutzt wird. Er hilft nicht nur, Luft zuzufächeln, sondern auch, hartnäckige Fliegen zu vertreiben. Gleich daneben hängt ein mit Papier bespannter rundlicher Fächer aus Japan.
"Fächer kennt man vor allem in warmen Ländern", sagt Hoguet. Erst im 16. Jahrhundert entwickelten sich Fächer in Europa zu einem Statussymbol. Die gefalteten Blätter wurden kunstvoll verziert, vor allem die Seite, die nach außen gezeigt wurde. Motive aus der Bibel oder der griechischen Mythologie waren sehr beliebt, aber auch Schäferidyllen oder Szenen aus dem Alltag.
Hoguet zieht eine schmale Schublade heraus, in der Dutzende von Fächern zusammengeklappt nebeneinander liegen. "Die Blätter sind häufig aus Leder und werden mit der Zeit brüchig", sagt sie und öffnet vorsichtig einen der historischen Fächer. "Besonders wertvoll sind Fächer aus Schwanenhaut."
Auf den Bällen des 18. Jahrhunderts dienten Fächer auch dazu, Liebesbotschaften auszutauschen. Junge Mädchen, die ihren Fächer mit der linken Hand vor das Gesicht hielten, sollen auf diese Weise ihr Interesse an einem bestimmten Kavalier bekundet haben. Der Fächer auf Kinnhöhe durfte als Liebeserklärung gewertet werden. Achtung, wenn die Dame den zusammengeklappten Fächer in der Hand drehte - das galt als Warnung, man werde beobachtet.
Hoguet restauriert häufig historische Fächer, stellt aber auch neue her. "Ich habe schon Fächer für Filme gemacht, aber auch für Modeschöpfer", erzählt sie. Die kosten dann zwischen 100 und 2000 Euro. Ein Fächer, den sie für Karl Lagerfeld produziert hat, hat eine unregelmäßige Form und ist mit demselben Stoff bezogen wie das Kleid, zu dem er gehört.
Ob Hoguet eine Nachfolgerin findet, weiß sie noch nicht. Seit einigen Jahren hat sie allerdings immer wieder Lehrlinge. "Die meisten Fächer, die heute in Frankreich im Alltag benutzt werden, stammen aus China", bedauert sie. Aber sie hofft darauf, dass ihr Können eines Tages wieder gefragt sein wird.
INFO: http://www.annehoguet.fr zurück
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